Buchtipp: „Die Revolution entlässt ihre Kinder“

By histo99

Heute möchte ich ein Buch kurz vorstellen und auch empfehlen, welches ich vor wenigen Wochen gelesen habe und dessen Inhalt ich doch sehr interessant finde. Der Titel lautet, wie oben zu sehen, „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ und geschrieben wurde es von Wolfgang Leonhard. Die Tatsache, dass das Buch bereits im Jahre 1954 erschienen ist, tut dem Inhalt hierbei keinen Abbruch, da es im Prinzip autobiographisch verfasst wurde. Das Besondere ist aber, dass Leonhard als deutsches Emigrantenkind in der Sowjetunion unter Stalin aufwuchs und dort zum kommunistischen Funktionär ausgebildet wurde. Somit vermitteln die Schilderungen Leonhards vor allem den Alltag in der stalinistischen Sowjetunion und zeigt auf fatalste Weise die Erziehungsmethoden und eigentlich auch das ganze Innenleben des Systems auf. Das ist auch einer der interessanten Aspekte des Buches. So lernt man das Leben in der Sowjetunion dieser Tage nicht nur kennen, sondern erhält durch den Umstand, dass Leonhard zum Funktionär ausgebildet wurde, auch einen Einblick in die Funktionsweisen und Denkstrukturen des stalinistischen Staates: von der normalen Schule über die Verhaftung seiner Mutter und deren Rechtfertigung, bis zu der Kominternschule mit Kritik und Selbstkritik.

Hinzu kommt noch ein weiterer Faktor, der dem Buch einen gewissen Reiz gibt. Leonhard wurde nämlich mit der Gruppe Ulbricht nach Berlin geschickt, um dort als kleines Grüppchen die Weichen für die Sowjetisierung des Landes und für den Aufbau der DDR zu stellen. Und alle Mitglieder der Gruppe Ulbricht wurden letztendlich hohe Funktionäre der DDR, lediglich Leonhard brach mit dem System und floh. Nun denke ich aber, dass jemand wie Leonhard durchaus die Chance gehabt hätte, eines Tages Generalsekretär der SED oder eine ähnliche Position einzunehmen. Und ich finde, dieses Wissen im Hinterkopf, dass jener Mann die höchstmögliche politische Ausbildung in der Sowjetunion genoss und dass er, wenn er nicht geflohen wäre, wahrscheinlich heute seinen Platz in den Geschichtsbüchern hätte, macht das Buch noch mal lesenswerter, als es ohnehin schon ist.

Alles in allem finde ich die Materie höchst interessant, zumal gute Bücher über das Leben in der Sowjetunion in deutscher Sprache leider rar sind. In dieser Hinsicht würde ich dieses Buch als besondere Perle bezeichnen, für die eine Investition höchst lohnenswert ist.

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